Zwillinge des Zufalls

Das 18. Jahrhundert sah einige bedeutende Mächte kommen und andere gehen. Erstere umfassen das russische Zarenreich und die Vereinigten Staaten von Amerika. Bei letzteren denke man an den schmerzlichen Untergang des polnischen Staates. Ich richte mein Augenmerk allerdings auf Grenzveränderungen in einem viel kleineren Maßstab. Im Jahre 1713 entschieden die Bewohner eines Randbezirks der Stadt Cambridge, Massachusetts, die es offensichtlich leid waren, zu weit vom Zentrum der Macht entfernt und als bloße Cambridge Farms verschrien zu sein, ihren eigenen Weg zu gehen und wählten die Abspaltung. Nur sechs Jahre später gelang es einem ehrgeizigen Fürsten, der zuvor zwei aneinander angrenzende Lehensländereien in den Alpen erworben hatte, den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches davon zu überzeugen, die beiden Teile zu vereinen und ihn in den Reichsfürstenstand zu erheben.

Die neue Stadt im Staat Massachusetts wurde Lexington genannt nach einem Lord, dessen Stammbaum im Nottinghamshire des 12. Jahrhunderts beginnt. Das neue Fürstentum wurde Liechtenstein getauft nach dem Titel des neueingeführten Herrschers, dessen Erbschloss in der Nähe von Wien aus dem 12. Jahrhundert stammt.

Die beiden Orte überdaurten die Zeit und haben heute, fast 200 Jahre nach ihrer Gründung weitaus mehr gemeinsam als ihre änlichen Namen, die mit einem L beginnen und einem N enden.

Denken wir etwas genauer darüber nach.

Die Stadt Lexington hat dreissigtausend Einwohner. Die Untertanen von Fürst Hans Adam II. sind auch etwa 30 000. Jeweils ein Drittel dieser Bevölkerungen besteht aus Einwanderern. Es gibt geringe Unterschiede: während die Mehrheit der Zuwanderer in Lexington aus Indien oder China stammen, gebührt in Liechtenstein diese Ehre den Filippinos. Genauso wie man einen indischen oder chinesischen Film in Lexington ausleihen kann, kann man einen auf Tagalog im Zentrum der Haupstadt Liechtensteins Vaduz ausleihen. Ein Hinweisschild in einer von Filippinos geführten Bar macht darauf aufmerksam.

Beide Orte arbeiten nach demokratischen Prinzipien. Obwohl Lexingtons Stadtrat mit über 100 Mitgliedern größer ist als der Liechtensteiner Landtag mit 25 Abgeordneten, ist die Größe des Regierungskabinetts dieselbe: den fünf Selectmen des Stadtrats entsprechen fünf Regierungsrate. Jedoch war es noch keinem Selectman vergönnt, jemals den Vorsitz über ein so erlesenes Gremium innezuhaben wie Ernst Walch, als er an der Reihe war, Präsident des Ministerversammlung des Europarats zu sein.

Seit jenem denkwürdigen Tag im April 1775, an dem es zu einem Feuergefecht zwischen britischen Truppen und der örtlichen Bürgerwehr Minutemen kam, das den Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges markierte, verneigt sich Lexington vor keinem Monarchen mehr. Liechtenstein hingegen ist stolz darauf, Fürst Hans Adam II. als Staatsoberhaupt zu haben. Aber Seine Durchlaucht Fürst Hans Adam II. von und zu Liechtenstein, wie er mit vollem Titel heisst, zeigte noch mehr Stolz, als er in seiner jüngsten Thronrede darauf verwies, dass es „nach der Verfassungsreform wohl keinen Staat gebe, der seinem Volk so viele demokratische Rechte einräume wie das Fürstentum Liechtenstein.“ Er betonte besonders, dass „der Fürst das Amt des Staatsoberhauptes nur so lange ausübe, solange eine Mehrheit des Volkes dies wünsche“. Man würde sich wünschen, dass der bescheidenste Präsident einer anderen Republik ähnliches von sich sagen könnte.

Die beiden kleinen Gemeinschaften kümmern sich um Belange jenseits ihrer Grenzen. Lexington setzt sich gemeinsam mit seinen Nachbarstädten für die Zukunft des Hanscom Airfields ein. Für Liechtenstein bedeutet „regional“ notwendigerweise „international“. Die Stadt Schaan ist der Sitz der Internationalen Alpenschutzkommission (Cipra), deren unmittelbare Aufgabe es ist, alpine Gewässer und Gletscher zu schützen.

Die Stadtzentren sind Touristenmagnete. Der historische Ritt Paul Reveres, bei dem er einst vor dem Vorrücken der britischen Truppen und den daraus entstehenden Folgen warnte, garantiert den steten Zustrom der Reisebusse zum Lexington Green. Die Hauptattraktion im Zentrum von Vaduz ist das Postamt und das gegenüberliegende Briefmarkenmuseum – dies ist kein Grund zur Verwunderung für denjenigen, der mit dem Briefmarkensammeln groß wurde, bevor der Joystick dieses Hobby verdrängte. Die Werke einheimischer und regionaler Künstler werden häufig in den Ausstellungsräumen Lexingtons gezeigt. Liechtenstein übertraf dies im vergangenen Sommer: eine Skulpturenschau unter freiem Himmel im Stadtzentrum von Vaduz zog sowohl Einheimische als auch intermationale Berühmtheiten wie Fernando Botero an. Die Ausstellung wurde Bad Ragartz getauft, ein witziges Wortspiel mit dem Namen des benachbarten schweizerischen Kurorts Bad Ragaz. Seit kurzem rangiert Liechtenstein auch unter den wichtigsten Zielen für Schnäppchenjäger. Einwanderer aus Osteuropa, die sogar aus Deutschland anreisen, lassen es sich nicht entgehen, das berühmte Mexx Bekleidungsgeschäft für Damen und Kinder zu besuchen. Lexingtons Decelle Geschäft schloss kürzlich für immer seine Pforten.

Um das Bild zu vervollständigen, lassen Sie uns einen Blick auf die örtlichen Zeitungen werfen, den Lexington Minuteman und das Liechtensteiner Vaterland, Rubrik für Rubrik. Artikel über kulturelle Veranstaltungen widmen sich gewöhnlich Ereignissen, die von Amerika ausgehen . Im Minuteman sind dies typischerweise High School-Aufführungen oder Kinofilmrezensionen. Vor kurzem bot eine Ausgabe des Vaterlands einen ausführlichen Bericht über das Musical „West Side Story“, das auf der spektakulären Seebühne der österreichischen Stadt Bregenz mit internationaler Besetzung aufgeführt wurde. Der Artikel beschrieb das beeindruckende Bühnenbild, das einen Wolkenkratzer und ein Backsteingebäude umfasste, jedoch ohne das offensichtliche anzusprechen: die Darstellung eines Wokenkratzers hatte eine frappierende Ähnlichkeit mit der  weltberühmten Silhouette des New Yorker Ground Zero.

In der Rubrik „Wirtschaft“ besprach der Präsident des Liechtensteinischen Versicherungsverbandes Ideen zur Verbesserung des finanziellen Images seines Landes, das seiner Meinung nach immer noch das Bild eines mit Geld gefüllten Koffers hervorrufe, der zur Geldwäsche in sein Land gebracht wurde. Hans Haumer dachte, die Ausschreibung eines Preises in Anlehnung an den Nobelpreis könne hier Abhilfe schaffen. Auch Lexington hat eine Verbindung zum Nobelpreis, aber das Preisgeld fließt hier eher herein als heraus. Zweimal nacheinander kam in den 90er Jahren ein Nobelpreisträger aus Lexington.

Dennis Johnson von den Boston Celtics lebte einst in Lexington, aber die Mehrheit der Sportmeldungen beschäftigt sich mit Wettkämpfen der Schulen mit dem benachbarten Burlington. Die Liechtensteiner Fußballnationalmannschaft hingegen spielte gegen Norwegen in einem Auswahlspiel der Europameisterschaft, die nun nicht gerade ein Sportereignis auf High School-Niveau ist. Leider verlor die örtliche Mannschaft mit 1:2 und damit auch die Chance aufzusteigen. Aber das wäre ja, als wenn eine Mannschaft aus Lexington gegen die Spitzenmannschaft aus New Jersey spielen würde. Lexington kann sich dennoch einer Mannschaft von internationalem Rang rühmen: seine Synchronschlittschuhmannschaft der Haydenettes ist vielfacher Träger von Medaillen bei internationalen Wettkämpfen in ihrer Sportrichtung.

So wie man diesseits des Atlantiks den 4. Juli feiert, begeht man in Liechtenstein den Nationalfeiertag am 15. August mit einem großem Feuerwerk. Das größte Karussell der Welt, das sich eines Eintrags ins Guinessbuch der Rekorde rühmen kann, wäre eine harte Konkurrenz für den Jahrmarkt in Lexington, der von Shriner’s gesponsort wird. Auch hier wird das Lokalkolorit deutlich: in einem ausführlichen Festprogramm, das in der lokalen Presse veröffentlicht wurde, lud man auf Einladung des regierenden Prinzenpaars zu einem Aperitif mit Fürst und Fürstin in ihr Schloss – die gesamte Bevölkerung des Landes war eingeladen. Es wurde nicht erwähnt, ob man sich zur Teilnahme hätte ausweisen müssen, jeden Aussenseiter hätte man jedoch sehr schnell erkannt. Das Feuerwerk hingegen wurde vermutlich von 40 000 Zuschauern gesehen, also wurden wohl ein paar Ausländer miteingerechnet.

Diejenigen, die immer noch ihre Zweifel zur genetischen Verwandschaft der beiden mit L beginnenden Orte haben, sollten einen prüfenden Blick auf Seite 2 der örtlichen Zeitungen werfen. Der Hauptrubrik des Liechtensteiner Vaterlands auf dieser Seite lautet: „Wer will mich ? Herrchen und Frauchen gesucht.“ Bilder von vier liebenswerten Hundemischlingen zieren die Seite. Darunter befindet sich die Lisa, eine Hündin in Labrador-Größe, die auch noch stolze Mutter von 10 Welpen ist. Die ganze Familie und auch ihre Kollegen warten auf ihre Adoption im Tierschutzhaus Schaan.

Der Hauptartikel auf Seite 2 des Lexington Minuteman ist mit „Looking for a home (Auf der Suche nach einem neuen Zuhause)“ überschrieben. Die niedliche Bernhardinerdame Sydney ist Hund des Tages. Sie wird als sehr sanftmütig beschrieben und las jemand, der „nicht an Ihnen hochspringen und Sie umwerfen wird.“ Eine wichtige Eigenschaft für jemanden, der sich mit dem Gedanken trägt, einen Berhhardiner zu adoptieren. Der zweite vierbeinige Freund in diesem Artikel ist eine Katze namens Jack, da die gleiche Gewichtung zwischen den Tierarten strengstens eingehalten wird. Vorurteile bestehen jedoch nach wie vor. Jack wird angepriesen als ein Tier, das „sanfte Zuwendung sucht und seinem Herrchen zurückgibt.“ Dies ist ein Wesenszug, der gewöhnlich nicht mit Katzen in Verbindung gebracht wird und deshalb besonderer Betonung bedarf, wohingegen Jack ein Zuhause bevorzugt, in dem er Einzelkind sein kann. Sydney, Jack und all die anderen werden zur Zeit von der „Buddy Dog Humane Society“ versorgt.

Haben Sie jetzt irgendwelche Zweifel?