The Reader

Rainer Maria Rilke
(1875 - 1926)

Der Lesende

Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,
mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.
Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:
mein Buch war schwer.
Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen,
die dunkel werden von Nachdenklichkeit,
und um mein Lesen staute sich die Zeit. — 
Auf einmal sind die Seiten überschienen,
und statt der bangen Wortverworrenheit
steht: Abend, Abend… überall auf ihnen.
Ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißen
die langen Zeilen, und die Worte rollen
von ihren Fäden fort, wohin sie wollen…
Da weiß ich es: über den übervollen
glänzenden Gärten sind die Himmel weit;
die Sonne hat noch einmal kommen sollen. –
Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:
zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,
dunkel, auf langen Wegen, gehn die Leute,
und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,
hört man das Wenige, das noch geschieht.
Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,
wird nichts befremdlich sein und alles groß.
Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,
und hier und dort ist alles grenzenlos;
nur daß ich mich noch mehr damit verwebe,
wenn meine Blicke an die Dinge passen
und an die ernste Einfachheit der Massen, –
da wächst die Erde über sich hinaus. 
Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:
der erste Stern ist wie das letzte Haus.

The Reader

I read all afternoon, as driving rain
Was hurling streams against my windowpane.
But I a single rustle could not hear:
My book was near.
White pages saw I turning into faces,
Whose dream-like thoughts my mind began to fill,
And honoring my reading, time stood still.
Yet suddenly, as if on jumbled pages
A forceful wind, unleashed by hidden will,
With “evening” each and every word replaces.
I’m still immersed, but lines are quickly breaking,
Words roll like marbles cut from threads, forsaking
Their former yoke, quick flight to freedom making.
And now I know, by evening light awaking:
Where trees were ready shadows to embrace,
They are of gleaming Sun’s last rays partaking.
Falls summer night, and darkness sets about.
Those who were scattered widely band together.
People trek along their paths and take more pleasure
In hearing, strangely far by normal measure,
What little of importance is still out.
And now, if from the book my eyes I sunder,
All things will be so intimate and near.
The world outside and inner world, in wonder,
United and yet boundless will appear.
And only tighter interwoven under
My gaze I am with all the teeming masses
Of earnest simple things. Time slowly passes,
As Earth, expanding upward, grows and grows,
Until it all the heaven encompasses.
And stars with huts are merged in twinkling rows.

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